An zwei Orten


Unbekannter Künstler: Flucht aus Ägypten, um 1050. Relief an der ehemaligen Portal, Köln, St. Maria im Kapitol

Aufwachen an einem anderen Ort

Man wacht morgens auf und weiß nicht mehr wo man eigentlich ist. Oder mitten in der Nacht - jedenfalls ist es nicht die gewohnte Umgebung. Aber ähnlich sieht das Ambiente schon aus. Oder war ich schon mal länger an diesem Ort und habe nur davon geträumt? Wer einigermaßen intensiv an zwei Orten lebt, kennt möglicherweise das Gefühl - egal, ob er strikt trennt zwischen Arbeitsort und Wohnplatz oder tatsächlich an beiden Orten "zu Hause" ist. Der Anfangsverdacht, dass sich hier noch viel mehr verbirgt, ist mir nicht zuletzt anhand eigener Erfahrungen mit dieser Existenzweise gekommen.

Outils nomades

Den Begriff der „Outils nomades“ (Nomadenwerkzeuge) nutzte Jacques Attali1, um insbesondere die vielfältigen elektronischen Begleiter einer anthropologischen Sicht zu unterziehen. Für hilfreiche Gegenstände, die das Leben an zwei Orten einfacher machen, gibt es aber auch bereits historisch viele Lösungen: das im einschlägigen Museum in Bozen ausgebreitete Equipment des rätselhaften (und wohl zwischen Südtirol und den Nordalpen pendelnden) Ötzi gibt eine Vorstellung. Es kann eine gut transportierbare Blutwurst sein wie auf einer mittelalterlichen Darstellung der heiligen Familie bei der Flucht nach Ägypten. Das Schweizer Armeemesser ist zum Symbol für eine ganze Produktphilosophie geworden. Viele technische Lösungen für das mobile Büro konkurrieren im Sektor dieser Gegenstände. Aber auch ein Zeitungsabonnement ist denkbar, das bereits am anderen Ort ist, wenn man dort anlangt: „ich bin schon da“ sagte der Igel zum Hasen.

Unbekannter Künstler: Flucht aus Ägypten, um 1050.
Relief an der ehemaligen Portal, Köln, St. Maria im Kapitol




Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1504 (Detail)

Schnellwurzeln

"O, wie wird mich nach der Sonne frieren!“ schrieb Albrecht Dürer 1506 an seinen Nürnberger Freund Pirckheimer,2 „Hier bin ich ein Herr, daheim ein Schmarotzer.“ Ein Bild aus dem Jahr 1507 bringt diese gefühlte Doppelexistenz in malerische Form. Auf der einen Seite führte der Meister in minutiöser Feinmalerei ein Porträt aus, offensichtlich eines deutschen Kaufmannes in Venedig. Auf der anderen Seite der gleichen Holztafel gibt der Maler in lockerem (venezianischen) Pinselgestus das Bild einer nackten alten Frau mit einem Sack voller Geld. Zwar existieren Anekdoten, die um nicht bezahlte Aufträge kreisen und in karikierende Schandbilder des Auftraggebers münden3 und die Bildtradition der Avaritia (des personifizierten Geizes) sowie die Allegorie der Vergänglichkeit in die man diese eigentümliche Begegnung zweier Bilder auf dem gleichen Bildträger stellen könnte. Für die Situation Dürers kurz vor seiner Rückfahrt nach Nürnberg sollte dieses wohl letzte in Venedig entstandene Bild aber ebenfalls eine Bedeutung haben. Zudem ist es nicht als Wandbild konzipiert, sondern wurde in einer Schatulle aufbewahrt.

Dürers Stoßseufzer zeugt nicht nur von den sozialen Verwerfungen seiner Zeit. Anders als es bei seinen Lehr- und Wanderjahren am Oberrhein und in Italien gewesen sein wird oder seiner Paradereise an den Niederrhein als bereist berühmter Künstler hat er in Venedig nach anfänglichen Anfeindungen und beiderseitigem Misstrauen erste Wurzeln geschlagen. Diese Eigenschaft ist recht wichtig: sowohl für die emotionale Aneignung von Orten wie auch für die Selbstkonstruktion. Auch wenn Dürer sich in seinen Bildinschriften jeweils wohlkalkuliert als „Alemanus“ oder „Noricus“ bezeichnet, scheint nicht wenig seiner Identität auch in Venedig zu ankern.

Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1504.
Detail aus dem Kupferstich


Reisecafe. Köln


Heterotopien

Martin Kippenberger schuf Mitte der 1990er Jahre ein weltweites Netz verschiedener U-Bahn-Eingänge. Auch wenn sie in aller Regel verschlossen sind, ist ihre Vision die einer auch räumlich vernetzten Welt. Der entlegenste Ort ist nach der Tunnelfahrt eigentlich direkt um die Ecke; das früher so hoch gehandelte Reiseerlebnis schrumpft zur vorübergehenden und eher lästigen Dunkelphase.

Du musst in ein Reisebüro gehen“ sagte meine zwölfjährige Nichte, als ich sie fragte, ob es Räume gibt, die zwei Orte visuell miteinander verbinden. Ich hatte an einen Outdoorladen und ein Landkartenhaus gedacht. Alle diese Lokalitäten dienen als Basis, um sich an andere Orte zu versetzen. Michel Foucault hat mit seinem seit 1967 immer wieder an anderen Stellen abgedruckten Vortrag den Begriff „Heterotopie“4 geprägt. Hier geht es nicht zuletzt um das soziale Regelwerk, das das menschliche Verhalten an bestimmten Orten prägt – und insbesondere die Lockerungen und Verschärfungen in verschiedenartigen Typen von Heimen wie beispielsweise Altenheim oder Gefängnis; oder aber Orten der Erbauung wie Museum oder Festwiese. Die offene Frage bleibt, welche Gegenstände oder Dienstleistungen zu solchen mehrschichtigen Orten gehören.



Dieser Text entstand anläßlich eines Semesterprojekts "Doppelleben ... Sein an zwei Orten" bei Dieter Hofmann an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein In Halle (Saale).



1Jacques Attali: L’Homme nomade, Paris 2003.

2Albrecht Dürer, Brief Dürers aus Venedig an Pirckheimer, Oktober 1506. In Albrecht Dürer, Das Gesamte graphische Werk, 1. Band, Berlin 1956, Seite 458. Thomas Manns „Doktor Faustus“ (1947) inszeniert diesen Stoßseufzer an zentraler Stelle des Romans.

3Ernst Kris / Otto Kurz: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Frankfurt am Main 1995, S. 120.

4Foucault, Michel: Andere Räume (1967), in: Barck, Karlheinz (Hg.): Aisthesis: Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik; Essais. 5., durchgesehene Auflage. Leipzig: Reclam, 1993.