Trans_Aktion. Wirtschaft als Kunstfaktor
Beim diesjährigen Skulpturenprojekt in Münster gab es eine recht uncharmante Skulptur Isa Genzkens aus Freizeitattributen wie Sonnenschirmen, zerstörten Puppen und Campingsesseln. Den Besucherströmen und der Witterung ausgesetzt, vermüllte die Arbeit im Lauf der Ausstellung zusehends: ein Prozess, den die Künstlerin durchaus absichtsvoll in Kauf genommen haben dürfte. In einen kleinen Schwimmring für ein Longdrinkglas, der Teil einer Arbeit war, hinterließen Besucher unaufgefordert eine im Laufe der Zeit ständig wachsende Menge Kleingeld. Dass ein Arrangement aus Wohlstandsmüll Menschen zu kleinen Geldspenden bewegt, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Allein mit dem "Ich war dabei-Effekt" und dem traditionell mit einer solchen Spende ausgedrückten Wunsch, noch einmal an den Ort zurückzukehren, ist dieser Umstand wohl nicht zu erklären. Auch dass die professionell vermarktete Großveranstaltung gratis war, wird wohl kaum der Anlass für die an diesem Ort hinterlassene freiwillige Kollekte sein. Was auch immer die Gründe sind, in jedem Fall wird das Geld im Kunstwerk eine eher emotional erklärbare Reaktion sein. Und diese rückt ein spannungsreiches Gefüge ins Blickfeld: das mitunter rätselhafte Wechselverhältnis ökonomischer und künstlerischer Werte.
Kunst als Freiraum
Nicht erst seit gestern ist das Verhältnis zwischen Kunst und dem wirtschaftlichen Feld enger als man angesichts der traditionell so behaupteten und real existierenden Armut und Anspruchslosigkeit von Künstlern annehmen könnte. Schon Giorgio Vasari beklagt den Umstand, dass bestimmte Malerkollegen mehr an Profit interessiert seien als an allem anderen. Albrecht Dürer oder Peter Paul Rubens hatten für sich eigene und effiziente Managementmethoden entwickelt. Kompliziert ist das Verhältnis zwischen künstlerischer Produktion und ihrer Finanzierung dennoch geblieben. Einmal sitzt man – egal ob als Künstler oder Kunstvermittler - den Spezialisten der Marketingabteilungen gegenüber, die klar orientiert an ihren Benchmarks wissen möchten, was dieses finanzielle Engagement in der Ausstellung ihrem Unternehmen einbringt oder ob das Kunstwerk mehr Wertzuwachs verzeichnet als die Volksaktie. Und gleich darauf geht es darum, wie man Kunst, eine Ausstellung und ihre Betrachter auf völlig andere Gedanken und Kriterien bringt: Kunst soll einen Freiraum öffnen und gerade nicht die wirtschaftliche Effizienz nachweisen oder sie gar in den Fokus rücken.
Schwer ist das nicht zuletzt, weil beispielsweise auch die über Kunst berichtenden Massenmedien – öffentlicher Gebührenstreit oder privatwirtschaftliche Verankerung hin oder her - recht häufig eine Meldung über ein gut verkauftes Bild deutlich mehr schätzen als die Möglichkeit, ein gutes Bild vorzustellen. Auch dass zunehmend weniger öffentliche Sammlungen als vielmehr private Individuen das Marktgeschehen prägen, ist ein Indiz dafür, dass verbreitet eher ein individueller Nutzeffekt als das früher häufig beschworene "Gemeinwohl" die Gründe für den Kauf von Kunst bestimmen. Dass Kunst das Unerwartete, Neue und vielleicht auch Nutzlose schafft, wird zusehends weniger allein schon als ein hoher Wert angesehen.
Aura
1935, zu einem recht technikgläubigen Zeitpunkt der Geschichte stellte Walter Benjamin durchaus zukunftsfroh den Verlust der auratischen Wirkung fest, die ein einzelnes, handgefertigtes Kunstwerk habe, wenn es auf technischen Wege und ohne Qualitätsverluste (re)produziert werden könne. Genau zeitgleich mit Marcel Duchamps erfolglosen Versuchen, seine Offsetdrucke als optische Schallplatten auf einer Erfindermesse an den Kunden zu bringen1, sah Benjamin vor allem in der Reproduzierbarkeit (und weniger in dahinter stehenden Marktüberlegungen) den Grund für seine These, dass sich damit die Kunstproduktion und -rezeption entscheidend demokatisieren würde.
Eigentümlicherweise garantiert die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Zusammenhängen oder hohen Wirtschaftwerten keinem Kunstwerk von selbst einen auratischen Status wie ihn beispielsweise die Goldreserven einer Zentralbank oder die kostbare Fassung einer Reliquie erlangen. Wie kürzlich die Konzeption von Damien Hirsts "For the Love of God" als teuerstes Kunstwerk im Handel am Zweifel über den korrekten Verkauf – und möglicherweise den eigenen Stützungskäufen – Schaden nahm2, ist ebenso bezeichnend wie das traurige Schicksal des ehedem verehrten "Mann mit dem Goldhelm" ist 3. Dem Meister Rembrandt abgeschrieben, verlor das ehedem unschätzbare Werk beträchtlich an Wert und an Wertschätzung. Allerdings gewann es an Aufmerksamkeitswert, und vielleicht dadurch sogar etwas von seiner Ausstrahlung zurück. Man müsste das einmal am inzwischen in Berlin wieder prominenter platzierten Original überprüfen.
POP
Zu einem geschichtlichen Zeitpunkt, als die Präsenz des Marktes und seiner Werbung für die Wahrnehmung überdeutlich war, haben Pop-Künstler sich eingehend mit Warenästhetik beschäftigt. Dabei ging es nicht nur um die Wirkung der zeitspezifisch so genannten "geheimen Verführer"4 und deren unterschwellige Verpackungskünste, sondern auch um Wertsetzungen. "I dont unterstand anything but green bills" schreibt Andy Warhol in der ihm eigenen radikal simplen Art5. Kompliziert machen und mit eigenen Wertungen und Wertsetzungen versehen können einen solchen Satz dann ruhig alle anderen. Wie in seiner Kunst auch setzt Warhol seiner Öffentlichkeitsarbeit gezielt auf Prinzipien des Markts wie Verpackung, Verbreitung und Werbung. Und darauf kann man sich in der Regel ja auch verlassen.
Strategien des Umgangs mit gesellschaftlichen Situationen
Selbstverständlich beschäftigt sich Kunst fast immer mit ihrer Gesellschaft und ihrer jeweiligen Leitideologie. Und auch dass sie darin benutzt oder gar ausgenutzt wird, ist keine neue Erkenntnis. Ob sie aber aus dem sie umgebenden Denkprinzip ausbrechen oder es zumindest hinterfragen kann – das ist wohl ebenso oft gehofft wie bestritten worden. So fragt die Kunst der bewegten 1960er Jahre nach Machtverhältnissen und Entwicklungsmöglichkeiten. Ihre Hinweise und Ansätze werden gerade heute wieder stärker gesucht. Aber auch diese immer wieder interessanten und viel sagenden Indizien sind kaum geeignet sein, als ein großes, stimmiges System zu funktionieren. Glaubt man den einschlägigen Theoretikern der Ökonomie, läuft nicht einmal die Wirtschaft als klar strukturiertes System.
Kunst im Zeitalter wirtschaftlicher Leitkultur
Dass sich bildende Kunst auch andere Ziele setzt als die Profitmaximierung, kann man ebenso voraussetzen wie für andere Lebensbereiche wie Sport, Religion, Wissenschaft oder Publizistik. Alle diese zur Kultur gehörenden Systeme sind gleichzeitig bestrebt, den eigenen Bereich als stimmig mit seinen zentralen Werten und Anliegen zu präsentieren und möglicherweise sogar in den Fragestellungen vorbildlich für andere Bereiche zu werden.
Dennoch hat wirtschaftliches Denken heute eine umfassende Gültigkeit für den Bereich der Kultur erlangt. Dass Kunst wider besseres Wissen immer gerne als Wirtschaftsfaktor dargestellt wird, und der Kunstmarktteil einer Zeitung wie der FAZ regelmäßig den Umfang des Feuilletons übertrifft, ist hier nur ein Indiz. In der Bildenden Kunst sind eine Vielzahl von Strategien zu beobachten, die mit dieser Vorherrschaft des Wirtschaftlichen umgehen. Überaffirmation, konsequente Verweigerung, Formenparodie, Analyse oder das konsequente Befolgen der Vorgaben: es gibt absolut vielfältige Möglichkeiten, die Auseinandersetzung mit der Leitkultur Wirtschaft deutlich zu machen. Gleichzeitig lassen sie immer wieder fragen, ob Kunst als gesellschaftlicher Faktor irgendwie wirkungsvoll sein kann.
Das Kleingedruckte und die Lehre
Nun steht kaum eine Ausstellung mit der Grundidee "Kunst und ..." noch im Verdacht, etwas Grundsätzlich Neues anstellen zu können. Allerdings sind Rundblicke von Zeit zu Zeit nötig und sinnvoll, auch wenn sie ähnlich oder anders bereits früher schon einmal unternommen worden sind. Gerade an einem ausbildenden Institut geht es in besonderer Weise um Wissensvermittlung und das Entwickeln einer eigenen Haltung. Hier kann diese Zusammenstellung mit ihrer Offenheit für Neues und ihrem Bewusstsein für Geschichte durchaus helfen, unbekannte Perspektiven in einem bereits bekannten Gebiet zu gewinnen. Dabei geht es nicht zuletzt auch um die Vermittlung von Kunst – ein Feld, das selbst kräftig im Zwiespalt steht zwischen wirtschaftlichem Effizienzdenken und idealistischer Verankerung in einem Bildungsideal. Daher steht nicht nur der Transfer von wirtschaftlichen Denkweisen und Werten zu künstlerischen Werken im Zentrum der Überlegungen dieser Ausstellung, sondern nicht zuletzt das, was an inhaltlichen, emotionalen und intellektuellen Transaktionen Kunst selbst zu leisten imstande ist.
Johannes Stahl
1Daniels, Dieter: Duchamp und die anderen. Köln 1992, S. 122Ff
2So vermutet es zumindest Christina Ruiz in der Daily Mail, 9. September 2007.
3Anna, Susanne (Hg.): WertWechsel. Zum Wert des Kunstwerks, Köln 2001.
4Packard, Vance: The hidden persuaders. New York 1957.
5Warhol, Andy: The Philosophy of Andy Warhol. San Diego 1975, S. 129.