Dagmar Schmidt Dr. Johannes Stahl Einleitung Literatur und Links Seminarplan

Kunst im öffentlichen Raum - Szenarien zum Auffinden und Vermitteln

Den folgenden Fragen widmet sich das Seminar im Wintersemester 2012/13 am Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas der Universität Halle - Wittenberg:

Was ist eigentlich Kunst im öffentlichen Raum?



Es bedarf nicht nur eines neuen Bundespräsidenten oder der Umstellung einer Suchmaschine auf ein soziales Netzwerk, um den heutigen
Öffentlichkeitsbegriff in Frage zu stellen - und die Rolle von Kunstwerken darin. Gerade die für diese Fragestellungen programmatisch aufgestellten Kunstwerke im Stadtraum von Halle können hier schlaglichtartig vorführen, was alles öffentlich ist bzw. sein soll. Seit Anfang der 1970er Jahre das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“ als Nachfolger der „Kunst am Bau“ diskutiert wurde, kam nicht nur die von Margarethe und Alexander Mitscherlich beklagte „Unwirtlichkeit unserer Städte“ auf den Prüfstand gestalterischer Überlegungen, sondern auch die Rolle des Künstlers als Teilnehmer der Gesellschaft. Durch den Wechsel zu immer mehr privat kontrolliertem und gestaltetem öffentlichen Raum, aber auch durch den Paradigmenwechsel zu einer weitgehend von Marktvorgängen dominierten Ideologie hat sich diese Positionierung entscheidend geändert.

Bocca della veritá, Norditalien





Wie finde ich eigentlich Kunst im öffentlichen Raum?


Aber wie sich das vollzieht, ist nicht immer leicht wahrzunehmen – weder in der publizierten Diskussion um diesem Gegenstand noch in den tatsächlich veränderten Stadtbildern. Zwar sind diese Kunstwerke in den vergangenen Jahren ein viel diskutiertes Thema geworden. Neben den Ressortforschungen am Bundesamt für Bauwesen, Städtebau und Raumordnung (BBSR) zur Kunst am Bau ist das Thema verschiedentlich von Kunstzeitschriften aufgegriffen worden. Aber die Kunst selbst mit ihren oft differenzierten Strukturen springt nicht immer sofort ins Auge; mitunter ist sie sogar schwer auffindbar. Die zunehmende Bewirtschaftung des visuell sichtbaren Stadtraums, aber auch  die Vernachlässigung einzelner Arbeiten schränkt die Wirkungsradien von Kunstwerken deutlich ein. Das Seminar legt dabei einen besonderen Akzent auf die vor Ort wahrnehmbare Umgebung.

Hinweisschild, Halle-Neustadt





Welche Vermittlungsszenarien gibt es und was taugen sie?


Neben entsprechenden Fachportalen haben nicht zuletzt die Kommunen höchst unterschiedliche Wege beschritten, um den oft reichen Bestand an öffentlich zugänglicher Kunst auch entsprechend öffentlich publik zu machen oder auch neue Programme zu initiieren.  Wie sehen angesichts dieser Ausgangslage die Vermittlungsmaßnahmen aus? In welchen Traditionen der öffentlichen Kunstpflege, der Erschließungs- und Präsentationsformen sowie der erläuternden Maßnahmen stehen sie? Und  wie fördert eine solche Vermittlung Kunst, ohne sie gleichzeitig für Optiken des Marktes, einer einseitigen Wissensvermittlung oder den Spielregeln der Unterhaltungsindustrie zuzurichten? Bei den Fragen wird es nicht bleiben: gesucht sind auch aus der Analyse der Situation resultierende Vorschläge - einschließlich ihrer Umsetzung.

Babal Saed: Ich und der Hahn, 2006, Bonn, Deutsche Welle





Gehören Kunstwerke überhaupt noch in den Stadtraum? Oder kann das jetzt weg?




Bilder hasten an uns vorbei, die Zeit scheint genauso zu rennen. Unsere Sinne werden täglich vor allem von Bildern überflutet. Bilder sind allgegenwärtig. Der natürliche Horizont ist zugestellt von Hinweisschildern, Werbetafeln, Plakaten, dazwischen immer wieder digitales Flimmern von Bildschirmen. Schrift und Bildfetzen allerorten. Manchmal kann man auch noch ein Kunstwerk im öffentlichen Raum entdecken, das nun seinerseits zum Teil der Bilderflut mutiert. Die Städte sind „zugestaltet“, bieten ein Fulltime-Programm für unser Leben und 24-h-Bespaßung für unsere Sinne. Atemlos hasten wir von Ereignis zu Ereignis, von Termin zu Termin, uns selbst und unsere Umwelt fast völlig vergessend. Der Kompass durch das Leben ist das Display des Hosentaschencomputers, der seinerseits voller Bilder und Informationen steckt. Brauchen wir wirklich noch „Kunst-Skulpturen“?
Was bedeutet die Allgegenwart der Bilder für die Bildende Kunst, speziell für die bestehenden und die zukünftigen Kunstwerke im Stadtraum? Wieviel Selbstvermittlungspotential bieten Kunstwerke? Darf man einen Nutzwert von Kunstwerken im öffentlichen Raum feststellen? Darf man auf Kunstwerken Würstchen grillen? Lassen sich Kunstwerke anhand von Kriterien wie Reine Form, Thematischer Inhalt, Praktischer Nutzwert, Publikumsappell und Künstlerindividualität bewerten? Und sind wir danach schlauer?

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